Grünflächenversorgung im Leipziger Westen

In der Auftaktveranstaltung zur Bürgerbeteiligung am Bahnhof Plagwitz im September 2023 versuchte das Stadtplanungsamt auf einer Präsentationsfolie nachzuweisen, dass seit 1990 in Plagwitz und Lindenau neue Grünstrukturen entstanden seien – wollte man damit suggerieren, dass eine Erhaltung der unbebauten Fläche am Plagwitzer Bahnhof nicht zwingend nötig sei?

Präsentation des Stadtplanungsamts der Stadt Leipzig, 29. August 2023, S. 64

Auf den ersten Blick sieht es in der städtischen Präsentation zur Auftaktveranstaltung der Bürgerbeteiligung am Bahnhof Plagwitz so aus, als seien neue Grünflächen entstanden. Schaut man jedoch genauer hin, erkennt man, dass das Stadtplanungsamt hier zum Teil Flächen markiert hat, die gar keine öffentlich uneingeschränkt nutzbaren Grünflächen sind. Da sehen wir zum Beispiel am unteren Bildrand links zwei Kleingartenanlagen, darüber den Plagwitzer Friedhof, außerdem die Wiese und Bepflanzungen an der Straßenbahnschleife vor dem S-Bahnhof Plagwitz. Die markierte grüne Fläche nördlich des Henriettenparks scheint der Durchgangsweg zwischen Lützner und Demmeringstrasse zu sein, das Überbleibsel einer kleinen Brache, die mittlerweile durch einen Sporthallenneubau und fünf Townhouses versiegelt wurde. Das als „Garten“ markierte Stück oben rechts im Bild ist der übrig gebliebene kleine Rest der Nachbarschaftsgärten e.V., deren größte Fläche vor einigen Jahren unter Protest und Trauer ebenfalls mit Townhouses bebaut und größtenteils versiegelt wurde. Sogar der Karl-Heine-Kanal wird markiert. Dieser mag ein unbebauter Erholungsraum sein, eine Grünfläche ist er nicht.

Hier zum Abgleich eine Karte:

Karte Umgebung Bahnhof Plagwitz, OpenStreetMap, 2023, https://www.openstreetmap.org/#map=15/51.3252/12.3085

Außerdem laden wir euch ein, euch einmal die tatsächlichen Grünflächen in Plagwitz im Vergleich zur Fläche von Parkplätzen anzuschauen.

Die Präsentation beschönigt aber noch weitere, tatsächlich als solche angedachte Grünflächen. Man beachte im Bild den doch sehr üppig dargestellten sogenannten Urbanen Wald, nördlich der Antonienbrücke:

Präsentation Stadt Leipzig, S. 29, Online: https://static.leipzig.de/fileadmin/mediendatenbank/leipzig-de/Stadt/02.6_Dez6_Stadtentwicklung_Bau/61_Stadtplanungsamt/Stadtentwicklung/Projekte/Gruener_Bahnhof_Plagwitz/Auftaktveranstaltung-Gruener-Bahnhof-Plagwitz-Prasentation.pdf

Dieser sieht in der Realität allerdings so aus:

Urbaner Wald, nördlich der Antonienbrücke, im Juni 2023

Auch die LEWO zeigte in derselben Präsentation ihr Bauvorhaben (“Neue Vision”) als Grün. Doch auch hier lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Denn was hier als grün erscheint, ist in Wirklichkeit Teil der städtischen Flächen und existiert schon längst! Man sieht den von Bäumen gesäumten Radweg sowie rechts im Bild den Gleis-Grün-Zug. Hier wird keineswegs neue Grünfläche angelegt – im Gegenteil, es wird neu versiegelt und die Frischluftschneise zugebaut. Das Bauvorhaben der LEWO – so grün wie eine Autobahn.

Grünflächen in Plagwitz und Lindenau – wie sollten sie sein und was bringen sie?

Eine Grünfläche ist nach dem Integrierten Stadtentwicklungskonzept der Stadt Leipzig (INSEK) mindestens 0,2 Hektar groß, das sind 2000m². Die Stadtteile Plagwitz und Lindenau sind an derartigen Grünflächen unterversorgt. Grünflächen – wir bezeichnen im Folgenden mit dem Wort sowohl angelegte Grünflächen wie Parks, als auch Stadtwälder und Brachflächen (unversiegelt/entsiegelt oder teilentsiegelt) – erfüllen in der Stadt offensichtlich verschiedene Bedürfnisse: sie sind Erholungsflächen und tragen erwiesenermaßen zur Gesundheit bei; durch sie kann Wasser im Boden versickern (das ist auch der Fall bei teilentsiegelten Flächen); als zusammenhängende Naturräume in der Stadt bieten sie Insekten, Amphibien, Vögeln und Kleinsäugern Lebens- und Nahrungsräume; sie regulieren das Stadtklima und kühlen die Umgebung an heißen Tagen. Selbst eine intakte Brachfläche, auf der Vegetation ungehindert gedeihen kann, ist darum extrem wertvoll, weil sie all diese Bedürfnisse erfüllt.

Nach dem Integrierten Stadtentwicklungskonzept (Stadt Leipzig 2018) soll jede*r Einwohner*in in 250 Meter Entfernung mit mindestens 6 Quadratmeter wohnungsnahen Grünflächen (mindestens 0,2 ha groß) versorgt sein. Zu den öffentlichen Grünflächen werden nur Grün- und Parkanlagen gezählt.

Kunkel, Arne und Schultz, Andreas: Anforderungen und Spielräume am Beispiel von Leipzig, Analyse der Grünflächenversorgung mit GIS. in stadt+gruen 10/2021, Online: https://stadtundgruen.de/artikel/anforderungen-und-spielraeume-am-beispiel-von-leipzig-analyse-der-gruenflaechenversorgung-mit-gis-5533

In Lindenau und Plagwitz ist dies nicht immer gegeben. Wir sind der Meinung, dass insbesondere Personen, deren Mobilität eingeschränkt ist, und dazu zählen wir auch Senior:innen, Eltern mit kleinen Kindern und Kinderwagen, nicht weit fahren müssen, am besten gar nicht fahren müssen, um in den Genuss einer Grünfläche zu kommen.

Grünflächen in Leipzig – Die Bilanz ist negativ, OBM Jung und Umweltbürgermeister Rosenthal wissen das schon lange

Vegetation auf dem Gelände des ehemaligen Güterbahnhofs, Nordteil, im Hintergrund die Spinnerei, Juni 2023

Auf Nachfrage des Grünen Stadtrats Kasek, in einer Stadtratssitzung im April 2022, gab Leipzigs Umweltbürgermeister Rosenthal zu, dass es, betrachtet man die Bilanz, tatsächlich einen Verlust an Grünflächen in Leipig gibt. Interessanterweise verwies Rosenthal in der Sitzung darauf, dass durch den Bürgerbahnhof Plagwitz 120.000 m² neue Grünfläche zu verzeichnen seien. Jürgen Kasek konterte, auf die geplante Bebauung des Nordteils anspielend, dass dort eher mit dem Verlust von „zuvor schon vegetationsgeprägten Brachflächen“ zu rechnen ist. Oberbürgermeister Jung versteht offensichtlich sehr wohl,

“worum es Jürgen Kasek und auch den Umweltverbänden geht. Denn dass derart viel Grün verloren geht, hat auch mit alten Planungsmethoden zu tun und dem gnadenlosen tabula rasa, das zur Baufeldfreimachung immer noch betrieben wird.”

Ralf Julke: Der Stadtrat tagte: Umweltbürgermeister muss Grünflächenverlust für Leipzig zugeben + Video, 18. April 2022, Online: https://www.l-iz.de/politik/leipzig/2022/04/der-stadtrat-tagte-umweltbuergermeister-muss-gruenflaechenverlust-fuer-leipzig-zugeben-video-444372

Es lohnt, sich die 4 Minuten Mitschnitt einmal anzusehen:

4:15 Minuten der Stadtratssitzung vom 21.4.2022 zum Thema Bürgerbahnhof, Grünflächenverlust und Klimaschutz

Rechtliche Grundlagen

Nach § 1 Abs. 6 des Bundesnaturschutzgesetzes besteht eine gesetzliche Verpflichtung, Freiräume im besiedelten und siedlungsnahen Bereich einschließlich ihrer Bestandteile zu erhalten, und dort, wo sie nicht in ausreichendem Maß vorhanden sind, neu zu schaffen.

Auch laut § 136 Abs. 3 Nr. 2 des Baugesetzbuchs ist auf die Funktionsfähigkeit eines Gebiets in Bezug auf die Ausstattung mit Grünflächen zu achten.

Zudem sieht das Baulandmobilisierungsgesetz eine Neuregelung des § 1 Abs. 6 Baugesetzbuch vor, wonach bei der Aufstellung von Bauleitplänen unter anderem die ausreichende Versorgung mit Grün- und Freiflächen zu berücksichtigen ist.

Kunkel, Arne und Schultz, Andreas: Anforderungen und Spielräume am Beispiel von Leipzig, Analyse der Grünflächenversorgung mit GIS. in stadt+gruen 10/2021, Online: https://stadtundgruen.de/artikel/anforderungen-und-spielraeume-am-beispiel-von-leipzig-analyse-der-gruenflaechenversorgung-mit-gis-5533

Die Stadt Leipzig hat eigene Orientierungswerte für die Grünversorgung aufgestellt:

Gemäß der Umweltqualitätsziele ist der Bestand an Frei- und Grünflächen zu erhöhen und dauerhaft zu erhalten. Als Richtwert für die Grünversorgung gibt der Landschaftsplan gesamtstädtisch 13 m² uneingeschränkt nutzbarer Grünfläche pro Einwohner an.


INSEK 2030, Seite D21, https://static.leipzig.de/fileadmin/mediendatenbank/leipzig-de/Stadt/02.6_Dez6_Stadtentwicklung_Bau/61_Stadtplanungsamt/Stadtentwicklung/Stadtentwicklungskonzept/Leipzig-2030_Beschluss_Gesamtfassung.pdf

Unsere Forderungen

In Anbetracht der Tatsachen fordern wir keine weitere Bebauung auf dem Gelände des ehemaligen Güterbahnhofs. Um dem Naturschutz und den vor Ort lebenden Amphibien Rechnung zu tragen, müssen Expert:innen in jegliche weitere Planung involviert werden. Das Stadtklima sowie die Empfehlungen des Amts für Umweltschutz dürfen nicht mehr nachrangig sein, sondern müssen an erster Stelle stehen. Investoren in Leipzig dürfen nicht über den Interessen der Allgemeinheit stehen und uneingeschränkt von der Stadt hofiert werden.